Graz 15. Mai 2000

Ewiger Frühling - das Pani Bronja Prinzip

Wolf, Graz 15. Mai 2000

 
Eine feine Delegation aus der Moskauer Untergrundszene beehrte anläßlich einer Performance in Krems das staunende alpine Publikum.
Modezar Alexander Liaschenko Petljura führte am 28.04. in der Minoritenkirche Krems-Stein eine seiner märchenhaft -skurrilen Kostüminszenierungen auf. "Kampf zweier Systeme" war das Thema, ausgestattet aus dem reichen Kleiderfundus Liaschenkos, der in Moskau eine einzigartige Textil-Sammlung aus historischen Kostümen, Flohmarktperlen und eigenen Modekollektionen zusammengetragen hat. Mit von der Partie war das unumstrittene Topmodel seines Hauses, der Moskauer Szeneliebling und Performancestar Bronislava Dubner, die mit ihrem Charme und Esprit den Abend als "Ewiger Frühling" überstrahlte. Frau Dubner ist 76 Jahre alt und lebt wahlweise das Leben einer 25jährigen Carmen, Ballettänzerin, Schauspielerin und Malerin, unterstützt und angefeuert von einem sozialen Netz von KünstlerInnen und VerehrerInnen. Das Bronja Prinzip - wie das können funktionieren?

Ihre ersten 60 Lebensjahre verbrachte sie undercover im gesellschaftlichen mainstream. Sie arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann am Fließband einer Kartonfabrik. Ein glücklicher Zufall führte sie Anfang der 90er Jahre mit Alexander Liaschenko, damals wie heute eine notorische Figur in der Moskauer Kunstszene, zusammen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Hr. Petljura erkannte Pani Bronjas hypnotisches Potential für Normalsterbliche und wies ihr und ihrem Mann unmißverständlich den Weg in die Kunst. Konkret schlug er vor, ihnen denselben Hungerlohn wie in der Kartonfabrik zu bezahlen - wenn sie stattdessen Kunst produzieren würden. Eine Woche später erschien Bronja zur Gehaltsauszahlung mit ihren ersten Zeichnungen, Hr. Dubner Abramovich entschied sich für eine Laufbahn als Schriftsteller und Lenin Biograf. Dies war der Beginn einer schillernden Symbiose. Die KünstlerInnengruppe rund um Direktor Petljura integrierte das Paar in ihre Aktionen und Aufführungen - so entstand der Mythos um das bekannteste freie Kulturzentrum Moskaus in den 90er Jahren, der Petrovskij Boulevard 12, "u Petljuri". Die kurze Blüte der sich selbst überschlagenden russischen Independentkunst während der perestroika fand hier ihren lebendigsten Ausdruck, das Haus am Boulevard war der zentrale Szenetreffpunkt - und mitten drin, Pani Bronja, von allen geliebtes Schneeflöckchen, bereits im Rang einer primadonna, die ihrem Publikum vor allem eines vor Augen führte: Altern schien doch ein psychosomatisches Phänomen zu sein.
Hypnotisierte Österreicher luden Fr. Dubner zu ihrer ersten Einzelausstellung 1995 nach Graz ein. Dem folgte eine lange Liste von erfolgreichen Ausstellungen und Gastspielen in ganz Europa.
Die einen mögen es als das beste Altersheim der Welt für Pani Bronja sehen, Alexander Liaschenko nennt es "D-Kultur".

"Charakteristik für eine Vertreterin der D-Kultur. D-Kultur ist:
1.) demokratisch
2.) kindlich
3.) debil
(auf russisch: demokraticheskaja, detskaja, debilnaja kultura).
Bronislava Dubner ist ein unausgeglichener, aufbrausender Charakter, sie leidet an Größenwahn und gibt sich für eine Schauspielerin des MOSFILM (Moskau Film) aus, für eine Ballerina des Bolshoitheaters, für eine Sängerin, eine Lehrerin und schließlich für die führende Künstlerin des Modehauses "Petljura". Ungeachtet der deutlich hervorstechenden Merkmale der 3 Gruppen, nützt Dubner die Elemente 2er, und die Fakten 1er. Sie stellt eine kleine Gefahr für sehr normale, demokratisch gesinnte Menschen dar."
(Katalogvorwort zu: Dubner/Wolf: Komm mit mir in mein Haus. Moskau/Graz 1995)

Kürzlich in Wien zeigten sich die profanen Grenzen des "Ewigen Frühlings", Paní Bronja erlitt zwei Tage nach der Aufführung einen Herzinfarkt, von dem sie glücklicherweise schon wieder genesen ist. Doch jetzt heißt es für längere Zeit einen Gesundheitsabstand zur geliebten Disco einzunehmen, und Zigaretten und ihren Wodka wird Pani Bronja nur mehr in Maßen genießen können.
Hoffentlich hält sie sich daran, denn 2050 wartet eine exklusive Aufgabe - sie wird die Welt retten müssen.

Bild oben: Wolf Bild unten: Liaschenko

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