Kiev 9. August 2000

Moskau Club Shans/Chance

Wolf, Kiev 9. August 2000

Ehemals führender gay-club der Stadt, nun eine kommerzielle unisex-Großdisco, die aber für eine Sache berühmt geblieben ist: hier schwimmen nackte Männer in Aquarien!

Um Mitternacht wird in mehreren großen Aquarien  für 20 Minuten eine Unterwasserchoreografie unter schonungslosem Einsatz von Licht- und Musikeffekten geboten. Athletische Jünglinge entledigen sich im Laufe der pathetischen Inszenierung unter ständigem Luftholen ihrer Schwimmtextilien und interpretieren Szenen aus der griechischen Mythologie. Wunderbarer Kitsch und bleibender Eindruck zwischen Esther Williams und La Fura dels Baus.

Eintritt: Männer 120 Rubel, Frauen 240 Rubel (2 Rubel ~ 1 Öschilling).

Saemtliche Cludadressen gibts in der Veranstaltungszeitung "Affiche".

Kiew
Club Promzona/Wirtschaftszone.

Wie in der ehemaligen DDR, so grassieren zur Zeit auch in Russland und der Ukraine die Retrowürdigungen der sozialistischen Vergangenheit. Wenn bei uns die kollektiven Erinnerungen an die gemeinsamen Konsumerfahrungen in den 70er Jahren eine ganze Generation wärmen, dann ist in der ehemaligen Sowjetunion nach 10 Jahren Kapitalismusachterbahn jetzt anscheinend der Zeitpunkt gekommen, einen ironischen und leicht verklärten Blick zurück zu werfen. Ausgerechnet in der Ukraine, die im August das 10-Jahresjubiläum ihrer wirtschaftlich desasterösen Unabhängigkeit von Russland feiert, verschlug es uns in eines der prächtigsten Beispiele an Sowjetromantik.

Wieder eine sogenannte Großraumdisco. Aber eine die diesen Namen verdient. Auf über 2000m² einer leerstehenden Fabrik wurde eine Sowjet-Installation eingerichtet, die kein Detail der sozialistischen Vergangenheit auslässt. An den Wänden Spruchbänder mit Revolutionslosungen inclusive deren Veräppelungen, Propagandamotive als riesige Wandmalereien - anno 2000 allerdings zur Bierreklame umfunktioniert, das Personal trägt die Uniformen der Sowjetjugendorganisationen, den martialischen Teil steuern mehrere Militär-LKWs und ein Panzer bei, im Oberstock gibt es eine Bibliothek mit Sowjetdevotionalien und sogar eine - wie mir alle versicherten - originale Sowjetkantine mit einschlägigem Speisenangebot; wie sich die Gastronomie überhaupt von den Zigaretten bis zu den Spirituosen in der Vergangenheit bedient. Mit einem Wort - beeindruckend die flächendeckend durchgezogene Austattung, die von Techno internationaler Mittelklasse beschallt wird. Zum Schmunzeln für Ossis, zum Staunen für Wessis.

Eintritt: 10 Gryvna (1 Gryvna ~ 3 Öschilling)

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