Novosibirsk 31. August 2000

"Wir haben noch harte 10 Jahre vor uns."

Wolf, Novosibirsk 31. August 2000

 

Gespräch mit dem Vorstand des Institutes für Wirtschaftswissenschaften und Industrieorganisation, Sibirische Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Professor Aleksander Vasilevitsch Evseenko. Akademgorodok 30.08.00

Aleksander Vasilevitsch, wie entstand Akademgorodok?

Akademgorodok wurde in den 50er Jahren als neuer Forschungsstandort in Sibirien errichtet. Innerhalb weniger Jahre entstand so das nach Moskau zweitwichtigste Wissenschaftszentrum der UdSSR. Es war eine euphorische Zeit des Fortschrittes in Russland, wir alle glaubten an die sozialistischen Ideale. Die Stadt selbst wurde buchstäblich von allen errichtet - auch die Akademiker und Wissenschaftler arbeiteten auf der Baustellem mit. Der Schwerpunkt lag damals auf Physik und Mathematik, das bekannteste Institut wurde das Institut für Nuklearphysik, nach wie vor eines der führenden der Welt. Insgesamt arbeiteten und arbeiten in Akademgorodok über 30 Wissenschaftsinstitute, ungefähr 60.000 Menschen leben hier. Die damaligen grossen Erfolge in der Raumfahrt und auf vielen Gebieten der Physik und Mathematik gaben der Stadt einen enormen Aufschwung.

Wie sehen Sie den Übergang von der Planwirtschaft zu einer mehr oder weniger rabiaten Form des Kapitalismus in Russland?

Ich würde nicht sagen, dass wir eine Zeit des rabiaten Kapitalismus in Russland erleben, sondern nüchtern betrachtet handelt es sich um einen sehr raschen Gesellschaftswandel, der einen Großteil der Organisationsstruktur des Staates und der Gesellschaft hat einstürzen lassen und Neues noch zu wenig herausgebildet hat. Das Abrutschen großer Bevölkerungsschichten in Armut und das Entstehen der sogenanten "neuen Russen" ist vor allem auf das Fehlen einer ordnenden Gesamtstruktur zurückzuführen.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Zukunft Russlands?

Ich beurteile die Zukunft optimistisch. Zweifelsohne stehen Russland noch 10 harte Jahre bevor. Die Wirtschaftsdaten des heurigen Jahres geben jedoch Grund zu leichtem Optimismus. Erstmals wächst die Inlandsproduktion wieder. Russland steht einfach, und das muss man auch im Westen verstehen, mitten in einem gigantischem Wandlungsprozess. Ich würde keinesfalls sagen, dass die Planwirtschaft ein besseres System war, der Unterschied liegt nur darin, dass die UdSSR über ein mehr oder weniger funktionierendes Gesellschaftsystem verfügte, währen wir heute uns aus den Versatzstücken des sozialistischen Systemes heraus erst zu etwas Neuem bewegen müssen.

Welchen Maßnahmen zur Konsolidierung der wirtschaftlichen Situation in Russland geben Sie die Priorität?

Es führt kein Weg an der Revitalisierung einer regulierenden Macht vorbei. Erstens muß die Kapitalflucht ins Ausland gestoppt werden, die dem Land enormen Schaden zufügt. Zweitens müssen alte Wirtschaftstrukturen im industriellen Bereich weiter abgebaut werden, um Gelder für Neuinvestitionen freizumachen. Dies kann nur durch eine starke Staatsmacht durchgesetzt werden. In diesem Sinne begrüße ich auch die Ansätze von Präsident Putin, wenngleich er noch wenig in die Praxis umgesetzt hat.

Drittens muß sich Rußland an ebenbürtigen Handelspartnern orientieren. Die wirtschaftlichen Kooperation mit Westeuropa und Amerika läuft oft zu einseitig ab und Russland droht dabei das "Afrikanische Schicksal" zu erleiden. Russland wird zum billigen Rohstofflieferanten, die Profite werden woanders gemacht. Ich sehe die Zukunftsorientierung Russlands, vor allem für den sibirischen Raum, nach Osten in einer verstärkten wirtschaftlichen Kooperation mit China, Korea und Japan. Diese Handelsachse ist auch schon tatsächlich am Entstehen.


 
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