St. Petersburg 14. Juli 2000

Nochlezhka: Notschlafstelle in Sankt Petersburg

Wolf/Petrova, St. Petersburg 14. Juli 2000

Graz und St.Petersburg haben auf den ersten Blick einiges gemeinsam. In beiden Städten ist die behördliche Registrierung der Wohnadresse vorgeschrieben und somit formelle Existenzgrundlage, beide Städte haben gleich viel Obdachlose - gemessen an der Einwohnerzahl (in Graz kommen auf 300 000 Einwohner ca. 300 Obdachlose, in St. Petersburg auf 5 Millionen Einwohner ca. 5000 Obdachlose). Ja, schalten wir eine kleine Nachdenkpause über die Aussagekraft von Statistiken ein - in der Praxis ist die Situation in Russland erwartungsgemäß wesentlich rauher und schwieriger als in Österreich.

Wie wird man in St. Petersburg obdachlos?

Zu Sowjetzeiten existierte das Problem der Obdachlosigkeit offiziell nicht. Erstens wurde von Staats wegen mit (wenn auch oft bescheidenem) Wohnraum vorgesorgt, zweitens wurden Personen ohne festen Wohnsitz kurzerhand ins Gefängnis befördert. In den 90er Jahren wurde Obdachlosigkeit in Russland zu einem öffentlichen Problem. Die überstürzte Einführung von Privateigentum führte zu einer Blüte von Immobilienspekulationen - viele der Petersburger Obdachlosen sind Opfer von Betrügereien bei den ersten Schritten in die Marktwirtschaft. Ein weiterer Teil der "Bomzhi" (Sandler) sind entlassene Strafgefangene, die im Dickicht der russischen Registrierungspflicht des Wohnortes, der "Propiska", schwer den Weg zurück in die Legalität finden. Jeder Gefängnisaufenthalt über 6 Monate führt zum Verlust dieser Aufenthaltsgenehmigung, in den beliebten Großstädten eine neue zu bekommen ist schwierig, ohne Propiska gibts weder Arbeit noch Wohnung, und man steht schon wieder mit einem Bein im Gefängnis. Dies und andere kontraproduktive "law and order" Maßnahmen manöverierten Russland an die Spitze der weltweiten Gefängnisstatistik (700 Inhaftierte pro 100.000 Einwohner, gefolgt von Amerika mit einem Faktor 500/100.000, Südafrika 150/100.000; der weltweite Schnitt liegt bei 50-70/100.000)*. Neben den klassischen" Gründen wie Alkoholismus und Drogen führte dies zu einer Art institutionalisierter Obdachlosigkeit, bedingt durch den raschen Wandel des Gesellschaftssystemes und die inadäquat reagierende Rechtsprechung.

Solidarität und Turbokapitalismus

Die staatliche Hilfe im Umgang mit den ca. 5000 St.Petersburger Obdachlosen geht seit Jahren über Lippenbekenntnisse kaum hinaus. Der rapide politische und ökonomische Wandel hat zu einer Aushöhlung und zum Teil völligen Überforderung staatlicher Stellen geführt. Das russische Vertrauen in die Selbsthilfe verbunden mit einer ordentlichen Portion an Fatalismus tragen weiter dazu bei, dass in St.Petersburg zur Zeit kaum Einrichtungen zur Betreuung gesellschaftlicher Randgruppen und keine einzige kommunale Notschlafstelle existieren. Die Initiative liegt bei Privatpersonen, die in Tradition der Menschenrechtsaktivisten aus der Dissidentenszene der 70er Jahre, in St.Petersburg Anfang der 90er Jahre die ersten Schritte setzten. Valerij Sokolov gründete in Kooperation mit The Big Issue Scotland 1994 Na Dne-The Depths St.Petersburg. Seit 1997 betreibt die Zeitung auch die einzige Notschlafstelle "Nochlezhka" in St. Petersburg. Sie bietet Schlafplätze für 50 Menschen, ist jedoch zu einer wichtigen Anlaufstelle für weitaus mehr Hilfesuchende geworden - hier kann man sich nicht nur mit einer warmen Mahlzeit und Gewand versorgen, es gibt auch medizinische und juristische Betreuung. Das Gebäude wird von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt, die laufenden Kosten finanzieren sich über den Verkauf der Zeitung, Privatsponsoren und die "Big Partner" in Schottland. Ein Großteil der Bewohner der Notschlafstelle arbeiten auch als einer der ca. 60 Straßenverkäufer von Na Dne.

3 Russische Rubel

Umgerechnet 1,50 Schilling - soviel kostet eine Ausgabe von Na Dne . Die Zeitung (erscheint 14tägig) bietet neben sozialer Berichterstattung einen umfangreichen Veranstaltungskalender und verfügt über einen guten Rückhalt in der Kunst- und Kulturszene, mit ein Grund warum sich "Na Dne - In der Tiefe? Am Boden" trotz des wenig animierenden Namens relativ gut verkauft. Dem Verkäufer bleiben vom Verkaufpreis 2 Rubel. Im Schnitt setzt jeder "Prodavets" zwischen 500-1.000 Exemplare pro Monat ab. Damit liegen sie mit ihrer Verdienstmöglichkeit in St. Petersburg auch nicht viel schlechter, als ein Großteil der Bevölkerung, deren Durchschnittsgehalt sich bei 2.000-4.000 Rubel im Monat bewegt. Das allgemeine Einkommensniveau hat sich inzwischen knapp unter der Armutsgrenze eingependelt und zwingt schon fast jeden, außer die flinken "neuen Russen", zu lebenskünstlerischen Maßnahmen verschiedenster Art. Mit kleinen Nebengeschäften und Dienstlleistungen schaffen es auch die meisten über die Runden zu kommen, eine Leistung, die mit unseren Maßstäben an Lebenstechnik nicht immer ganz nachvollzogen werden kann. So wartet Russland wie so oft mit einem Szenario von Härteeinlagen, ungebrochener Lebensfreude und eigenartigen Bildern auf, wie folgendes: Benefizauftritt der einzigen St. Petersburger Spanischtanzgruppe in der Nochlezhka - Flamenco als russischer Imperativ.

Bernhard Wolf/Larisa Petrova

Die Straßenverkäufer von Na Dne, St. Petersburg

 

Flamenco als russischer Imperativ

 

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