Odessa 10. August 2000

Tschetschenien

Odessa 10. August 2000

Zum aktuellen Anschlag in Moskau brauche ich keine zusätzlichen Worte zu verlieren. Die Informationen, die man z.B. auf www.moskau.ru oder dem Standard online (derstandard.at) nachlesen kann, geben genau das wieder, was man auch in Russland über die Medien mitbekommt.

Ein persönlicher Nachtrag: Sooft ich mit gebürtigen Tschetschenen ins Gespräch komme - und in Petersburg und Moskau leben viele Kaukasier, gab es einen Grundtenor. Die Kampfhandlungen werden auf dem Rücken eines ganzen Volkes ausgetragen, das in der Mehrheit diesen Konflikt nicht will. Die militaerische Auseinandersetzungen selbst wurden durch machtpolitische Kalküle auf beiden Seiten ausgelöst bzw. nicht vermieden. Weder wurde von tschetschenischer Seite der Einfall von 2000 islamisch-fundamentalistischen Kämpfern in der Republik Dagestan (Teritorium der russischen Föderation) Mitte 1999 verhindert, noch konnten in 3 Jahren autonomer Selbstverwaltung in Tschetschenien nur annähernd zivile Verhältnisse hergestellt werden. Die Entführung von Angehörigen der russischen Minderheit und anschliessende brutale Lösegelderpressungen entwickelten sich in dieser Zeit zu einem richtiggehenden Wirtschaftszweig.

Dass die Eskalation des Konfliktes den Weg Putins zur Präsidentschaft erst ermöglicht hat, ist unumstritten. Und er bietet weiterhin einen willkommenen Anlass, um von anderen unpopulären Maßnahmen der neuen russische Regierung abzulenken. Wer die Bombenanschläge in Moskau verübt hat, bleibt Spekulation - auch wenn die Kronen Zeitung wahrscheinlich anderer Meinung ist.

Die Stimmung in Russland ist auf jeden Fall aufs neue aufgeheizt (wenn auch bei weitem nicht so, wie 1999 nach den Anschlägen auf die Moskauer Wohnhäuser, kurz vor Beginn der 2. russischen Tschetschenienoperation), und das trifft alle gebürtigen Tschetschenen und Kaukasier (im rassitischen Jargon als  "chernie" - "Schwarze" bezeichnet) als universelle Sündenböcke.

Der Betreuer in meinem Internet-Cafe in Odessa ist z.B. gebürtiger Tschetschene. Er hat die aggresive Stimmung gegen Kaukasier auch in Odessa in Form von schikanoesen Polizeikontrollen zu spüren bekommen. Gemeinsam schauen wir uns die ständig aktuelle homepage der tschetschenischen Separatisten um Shamil Basayev an (die auch bei uns in den Medien öfter zitiert wird). Einseitige Kriegsberichterstattung zweifelsohne, aber ein interessanter Beitrag zum Thema Informationskrieg im internet und weiterer Mosaikstein auf dem schwierigen Weg zur Wahrheit. www.kavkaz.org (mit deutscher Version)


 
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