Gekidnappt im amerikanischen Traum

 
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Dem amerikanischen Essen begegnete ich bis gestern höflich, aber distanziert. Die herrschende feuchte Hitze in Chicago lässt das Thema Ernährung sowieso gegenüber anderen lebenserhaltenden Maßnahmen leicht verblassen. Die mexanische Küche zum Beispiel bietet für solche Konstellationen exzellente Übergangslösungen in Form von Tacos und Nachos mit Avocadocreme, Bohnenpasten und diversen Salsasaucen.
Das Epizentrum der US-Kulinarik -den Burger- ließ ich locker an mir vorbeiziehen, wohl bemerkend, daß ein Euro-MacDonaldsBurger in Qualität und Esprit nur eine schwache Version der hier angebotenen Burger sein dürfte, die sich meistens als vollwertige Mahlzeit geben und links und rechts von mir in Unmengen vertilgt werden.
Gestern war es aber soweit. Weichgeklopft durch einen langen Arbeitstag, am Heißhungerpegel angekommen, sprach meine innere Stimme: "Heute ist der Tag, gib es dir auf echt amerikanisch."
Auf der Speisekarte des Mallony Inn an der Michigan Avenue werden 10 verschiedene Burgerpreciosen in reicher Garnitur angeboten. Ich entschied mich für die Version des Hauses - einen üppigen Cheeseburger, auffrisiert mit gebratenen Champignons, eingelegten Gewürzzwiebeln, Gurkerln, Mayonaisse-Chutneysauce, Parmesan-Topping und French Fries, die im Gegensatz zu MacDonalds keine Kartoffelmußpräparate, sondern echte, schön knusprige Kartoffelstangerln waren. Dazu zwei mexikanische Corona Klassik.
Gefasst war ich auf das bekannte Junkfood-Szenario A - gehobener Klasse, zugegebenermaßen.
Dieses Szenario umfasst die Bereitschaft zugunsten eines kurzen, aber sehr befriedigenden Essgenusses im 5-10 Minutenbereich das darauffolgende 2stündige dumpfe Allgemeinbefinden in Kauf zu nehmen.
Der Mallony Burger reagierte anders.
Er schmeckte über lange Strecken ganz gut, war vielleicht etwas fett im Abgang. Mir wurde nicht wie üblich leicht schlecht.
15 Minuten nach Verlassen des Lokales spürte ich die unbändige Lust mir "Planet der Affen", das Remake des Klassikers aus dem Jahr 1968 und aktueller US-Hitparadenstürmer an den Box-Offices, im nächsten Cineplexx Kino anzuschauen. Ich hatte mir noch am Tag zuvor "Planet der Affen" mit Freunden sicher nicht ansehen wollen, da mir mein Gefühl sagte, dass es sich um ein und dieselbe Hollywood-Meterware handeln dürfte, die eigentlich gerade im Fantasyfilmbereich beständig schlechter wird, wahrscheinlich noch mit den üblichen US-Propagandaeinsprenkseln á lá "Independence Day" versehen.
Nach 2 Stunden kam ich aus einem Film, der vor vollem Saal in unterdurchschnittlicher Machart vor allem wieder eines gezeigt hat - egal ob islamische Wahnsinnige, Meteoriten oder Affen, es Bedarf immer eines US-Piloten Haudegen, der aussieht wie frisch aus dem College, um die Menschheit wieder einmal zu retten.
Danach erschien es mir unentbehrlich, obwohl es schon spät war, noch unbedingt irgendwo meine e-mails zu checken, was ich auch bis spät in die Nacht tat.
Heute begann der Tag mit einem Bummel am Lincoln Park, dann habe ich mir plötzlich Inline-Skates gekauft und bin mit vielen SportskollegInnen aus Chicago kilometerlang am Michigan Lake entlang geskatet. Und es war great!
Inline Skating habe ich in Europa einmal probiert und es hat mich eher kalt gelassen. Da war mir Radfahren oder Laufen immer viel symphatischer.
 
Inzwischen glaube ich der Burger ist schuld. Es dürfte sich in Wahrheit um sowas wie getaktete Nahrung handeln, die nur minimal über die Lebensmittelinhaltsstoffe wirkt, und vor allem aus Kauf- und Freizeitimpulsen besteht.
 
Leichte Angst inmitten meiner beschwingten Grundstimmung. Wann hört dieser Trip wieder auf?
 
Ein Limit gebe ich mir noch. Sobald ich mich zu jemanden sagen höre - " Have Fun! Take care!" - ist Feuer am Dach und ich nehme die Notfall-Heimtransport Versicherung der UNIQA Graz in Anspruch.

 
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Chicago, 09.08.01