Die Macht der Konzerne ist das Vietnam von heute

 
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Interview mit Jello Biafra, Congress Theatre, Chicago, 10.08.01

 
"Was ist die zentrale Botschaft der Grünen in den USA?"
 
"Fight Corporate Power, sorgt endlich für Gleichberechtigung unter den verschiedenen ethnischen Gruppen, opfert die Umwelt nicht weiter dem Profit. Es gibt viele Anliegen -die meisten können aber darauf reduziert werden, daß wir in einem System leben, in dem Geld regiert und Amerika versucht dieses System weltweit zu seinem Vorteil zu exportieren. Es ist höchste Zeit anzutreten und zu schreien - WE ARE NOT FOR SALE - unserer Rechte sind nicht käuflich, gute Umweltbedingungen für alle sind nicht käuflich, Gleichberechtigung ist nicht käuflich.
Darum bekämpft die Konzerne. Jeder Versuch zählt. Fangt damit an, daß ihr ihnen euer Geld nicht mehr gebt, unterstützt kleine unabhängige Strukturen in eurem nächsten Umfeld."
 
"War die mehr oder weniger symbolische Präsidentschaftskampagne von Ralph Nader im nachhinein betrachtet sinnvoll? Hat sie nicht letztendlich - wie viele Demokraten meinen - Gore den Sieg gekostet und den USA einen rechtskonservativen Präsidenten beschert?
 
"Gore hat Gore den Sieg gekostet, nicht Nader. Die grüne Kandidatur war ein wichtiger Impuls für die ganze Bewegung, was uns der momentane große Zulauf bestätigt.
Auf der anderen Seite ist es ist fast von Vorteil, daß eine Dumpfbacke wie Bush jetzt Präsident ist, weil er den Leuten ganz klar vor Gesicht führt, wo es lang geht. Ein Amerika im Dienst der Konzerne, wo an einem Raketenabwehrsystem gebastelt wird, das keiner braucht, anstatt öffentliche Dienstleistungen wie Transport oder Bildung, die dringend verbessert gehören, zu förden. Amerika hat das mit Abstand größte Militärbudget der Welt und es dient nur dem Interesse einiger Großunternehmen und der internationalen Durchsetzung der amerikanischen New World Order, die im Prinzip auf einem ökonomischen Ungleichgewicht basiert. Die Reichen werden von Super- zu Hyperreichen und gleichzeitig verdienen mehr als ein Drittel der Arbeiter in den USA weniger als sie mitte der 60er Jahre verdient haben. Mehr als ein Drittel der Arbeiter in den USA lebt trotz eines vollen Jobs unter der Armutsgrenze.
Clinton tat politisch im Prinzip dasselbe, nur verkaufte er das ganze liberaler, mit Zuckerguss obendrauf und war schwerer angreifbarer. Bush mobilisiert die Leute."
 
"Aus europäischer Sicht könnte man die jetzige grüne Bewegung in den USA, spätestens mit den Ereignissen von Seattle letztes Jahr, als das stärkste Zeichen zivilen Protestes aus den USA seit der 60er Jahre-Bewegung gegen den Vietnamkrieg bezeichnen. Teilst du diese Meinung?"
 
"Ja. Es handelt sich tatsächlich um das stärkste Protestpotential seit den 60er Jahren. Wobei man aber auch sehen muß, daß die Anti-Vietnambewegung über mindestens 10 Jahre gewachsen ist und nicht wie in Europa die 68er Bewegung auf Ereignisse in einem Jahr (oder zumindestens in einem kürzeren Zeitraum fixiert werden kann). Die jetzige Bewegung ist auch gerade im Wachsen begriffen und muß noch viel besser organisiert werden. Leider ist die bestorganisierte amerikanische Aktivistenbewegung zur Zeit die religiöse Rechte, die ihre Anliegen sehr gut unterbringt. Die haben seltsamerweise von der Anti-Vietnambewegung und wie die amerikanische Öffentlichkeit auf eine bestimmte Art von Protesten reagiert, am besten gelernt.
Seattle war für die Grünen ein wichtiger Impuls, weil es viele verschiedene Civil Rights- und Umweltgruppen zusammengebracht hat. Ich glaube, es ist wichtig sowohl auf der Straße, als auch mit einem vernünftigem Programm präsent zu sein. Die Präsidentschaftskampagne und jetzt die Gründung der Campus Green Bewegung (der grünen Studentenbewegung) zeigt das. Insgesamt wächst die grüne Partei sehr schnell. Fight Corporate Power - die Macht der Konzerne ist das Vietnam von heute."
 
"Der Kampf mit Konzernen hat auch zu einem langem Rechsstreit mit den 3 anderen Musikern der Dead Kennedys geführt. Wie steht´s zur Zeit?"
 
"That really pisses me off. 1998 wollte Levi´s "Holiday in Cambodia" in einem Werbespot verwenden. Ich verweigerte die Zustimmung, die würden sowas von mir nie kriegen, das wäre ja schlimmer als wo die Clash oder die Exploited gelandet sind. Daraufhin ist ein langer, schmutziger Kleinkrieg zwischen mir und den anderen Dead Kennedys ausgebrochen. Die richterlichen Entscheidungen haben mich dann in die seltsame Lage versetzt, zu einigen der Nummern, die ich geschrieben habe, die Rechte nicht mehr zu besitzen. Die Rest-Kennedys dürfen jetzt ohne meine Zustimmung bestimmtes Studio- und Livematerial unter der Bezeichnung DK-Music, sogar unter Verwendung des Originallogos, auf ihrem Decay Label veröffentlichen und verwerten. In Europa werden diese echt schlechten Aufnahmen von Plastic Head vertrieben. Don´t buy this crap!"
 
Jello Biafra kommt Anfang September zu einer Spoken Word Performance nach Wien.
Siehe auch: www.alternativetentacles.com
 

Chicago, 17.08.01