Streetwise

 
streetwise gruppenfoto

StreetWise ist die größte Straßenzeitung in Chicago, existiert seit fast 9 Jahren und erscheint wöchentlich mit einer Auflage von ca. 20 000 Stück. StreetWise arbeitet mit ca. 200 VerkäuferInnen zusammen, das Produktionsteam innerhalb der Zeitung, JournalistInnen, Verkaufsorganisation etc. umfasst 15 Personen.

streetwise2streetwise3streetwise1
 
Gespräch mit Charity Crouse, stellvertretende Chefredakteurin der Straßenzeitung StreetWise, Chicago.
 
  Straßenzeitungen decken weltweit ein breites Spektrum an Aktivitäten ab, das vom reinen Zeitungsmachen bis zur Organisation von Notschlafstellen reicht. Was seht ihr als eure zentrale Aufgabe?
 
Unsere Haupttätigkeit besteht darin eine ordentliche Zeitung zu machen, die Themen der Straße anspricht und Menschen, die sonst keine Chance haben, eine Möglichkeit verschafft, legal Geld zu verdienen.
Wir organisieren auch Schulungen und Kurse, z.B. in EDV, wir bieten Kontakte zu kostenloser rechtlicher und medizinischer Hilfe an, animieren die VerkäuferInnen eigene Projekte mit unserer Hilfe zu starten. Eine Notschlafe oder anderer Art von Direktversorgung betreiben wir nicht, weil unsere Kräfte dazu nicht reichen und von das von der Stadt Chicago angebotene "Shelter System" (Notschlafstellen) den größten Bedarf abdeckt. Zur Zeit müssen wir vor allem mit der Finanzierung unserer bestehenden Aktivitäten kämpfen. Amerika erlebt eine Rezension und wir spüren das im Verkauf und den sinkenden Sponsorspenden.
 
  Was sind die Hauptgründe für Obdachlosigkeit in Chicago?
 
Die Gründe sind Alkohol, Drogenmißbrauch, Schwierigkeiten nach Haftentlassungen, die aber hauptsächlich Symptome der schwierigen Lebenssituation in den armen Bevölkerungsschichten sind, vor allem unter den Schwarzen. Die Mehrheit der Obdachlosen und auch unserer Verkäufer, nämlich über 80%, sind männliche Schwarze. Unter den Hispanos, denen es wirtschaftlich sicher nicht viel besser geht, gibt es anscheinend eine andere Form von Zusammenhalt. Das Phänomen des "Couchslipping", also des einmal hier und dann dort bei Bekannten zu übernachten, ist bei ihnen viel ausgeprägter. Wenn aber 6-8 Personen in einer 2 Zimmer Wohnung leben, hilft das nur der Statistik, inhaltlich muß man eigentlich auch schon von "Homelessness" sprechen. Eine spezielle Gruppe sind psychisch oder physisch versehrte Armeeveteranen, die mit einer Minimalrente und ohne entsprechende psychologische Betreuung entlassen werden, und dann oft über Drogen und Alkohol in der Obdachlosigkeit landen. Dieses Land produziert zwar dauernd Militärhelden, die Veteranenversorgung ist aber wirklich schlecht.
Eine neue, am stärksten wachsende Gruppe von Obdachlosen sind alleinerziehende Frauen mit Kindern aus armen Verhältnissen. Dies ist eine weitere gravierende Entwicklung, die wir der Welfare Politik von Clinton zu verdanken haben.
 
  Clinton hat in Europa im Gegensatz zu vielen republikanischen Präsidenten wie Reagan, Bush etc, die das Klischee von "Ugly Cowboy Politics" immer leicht erfüllen konnten, ein liberales Image. Wie sieht ein Resumee der Clinton Jahre aus deiner Sicht aus?
 
Die Clinton Jahre waren in vieler Hinsicht eine Katastrophe. Während der 8 Jahre der Clinton Ära hat sich die Anzahl der in amerikanischen Gefängnissen einsitzenden Personen verdoppelt.
(Anm: zur Zeit befinden sich 1,4 Millionen Amerikaner im Gefängnis, Tendenz steigend, was Weltrekord für alle demokratischen Systeme bedeutet). Der große "War on Drugs", Maßnahmen wie die "Zero Tolerance"-Regelung, oder das "Three Strikes and you are out"-Prinzip (Anm: 3 Straftaten derselben Art, wenn sie auch noch so geringfügig wie z.B. Ladendiebstahl sind, führen unweigerlich zu längeren Haftstrafen), die zum Teil noch von Bush Senior oder von einzelnen Bundesstaaten beschlossen wurden, haben zur Kriminalisierung einer ganzen Generation geführt.
Mit dem sogennanten "Welfare to Work" Programm hat Clinton das Ansteigen der Obdachlosenzahlen, vor allem unter alleinerziehenden Müttern, zu verantworten. Dieses Programm, ursprünglich eine republikanische Idee, beschränkte die Möglichkeit von Sozialbezug auf maximal 2 Jahre. In Kursen sollten SozialhilfeempfängerInnen dafür wieder für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden. Nur war die Regierung effizienter im Kürzen der Sozialhilfe als im Ausbilden, und so landeten alle die nicht fit genug für den freien Markt wurden, nach 2 Jahren unweigerlich auf der Straße und im Endeffekt bei Initiativen wie uns. Egal ob Demokraten oder Republikaner, die Unterschiede in den politischen Maßnahmen sind nicht groß. Der tatsächliche Spielraum der politischen Vertreter in unserem Land ist minimal, der Kongress wird im Grunde von den Lobbies der Konzerne kontrolliert. Die Massenmedien spielen mit und berichten fast nur, was im Interesse der Konzerne steht. Der einzelne Wähler kann seine Stimme zwar abgeben, sie wird aber sicher nichts an den relevanten politischen Entscheidungen ändern. Wählen zwischen Repuklikanern oder Demokraten ist sinnlos geworden.
 
  Wie siehst du die Position der grünen Partei um Ralph Nader?
 
Die Grünen stellen einen kleinen Hoffnungsschimmer dar, dem ich wenigstens mit gutem Gewissen meine Stimme geben kann, in den ich aber nicht zuviele Hoffnungen setzen würde. Ein großes Manko der Grünen ist, daß sie bis dato hauptsächlich eine weiße Bewegung sind, die vor allem ein weißes Publikum anspricht. Erst wenn die Grünen es schaffen die Bürgerrechtsbewegungen der Schwarzen und Hispanos begeistern zu können, werden sie zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft in diesem Land werden. Dazu müßen sie aber den Brückenschlag zur Kirche schaffen, was nicht gerade ihrem politischem Programm entspricht. Die starken Schwarzen- und Hispanobewegungen sind immer aus dem relativ geschützten kirchlichen Bereich heraus entstanden.
Ein weiteres Problem ist das amerikanische Wahlsystem. Und man muß sich auch ansehen, wer in Amerika wählen darf! 5 Millionen Amerikaner, die mit einer Vor- oder Gefängnisstrafe belastet sind, dürfen nicht wählen, 11% der Bevölkerung ist überhaupt vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil sie keinen vollen Status als Staatsbürger haben. Diese 11% arbeiten und leben zwar legal in den Staaten, zahlen Steuern, aber wählen dürfen sie nicht.
 
  Für wie stark schätzt du die Protestbewegung ein, die sich seit den Ereignissen von Seattle in Amerika klar zu formieren beginnt?
 
Ich würde gerne glauben, daß diese Bewegung, die sicherlich ein starkes Zeichen darstellt, kraftvoll genug wird, um in diesem Land was zu ändern. Wo man dabei aber konkret ansetzen soll, ist schwer vorstellbar. Es ist noch leicht nachvollziehbar gegen die ungerechte Verteilung des Reichtums weltweit auf die Straße zu gehen, in Folge heißt das aber, das System des Kapitalismus in Amerika selbst anzugreifen und zu reformieren. Amerika sitzt an der Spitze der weltweiten Nahrungskette und wird dann vor allem gegen sich selbst vorgehen müßen. Schwer vorzustellen, daß der Protestelan der Gesellschaft soweit gehen kann. Selbstkritik ist keine große amerikanische Tugend. In realo geht der politische Zug immer noch in die Gegenrichtung ab. Zur Zeit wird die komplette Privatisierung des Gesundheitswesens und des Pensionssystemes vorbereitet.
 

Chicago, 21.08.01