DSLR: "Massmedia will eat itself."

 
trevor nato
Trevor Paglen und Nato Thompson vom "Departement of Land and Space Reclamation - DLSR" im Gespräch über die Wicker Park Proteste, Medienkannibalismus und ihre Liebe zu Amerika.
 
  Wie erklärt ihr euch das starke Medienecho auf eure doch relativ lokalen und kurzlebigen Anti-MTV Aktionen?
 
Nato: Wir sind selbst überrascht vom Echo. Begonnen hat das ganze mit unserem Ärger auf den MTV-Schwachsinn, der uns im Bezirk vor die Nase gesetzt wurde. Wir wollten ein paar Zeichen dagegen setzen, die bei minimalem Einsatz, eine maximale Wirkung erzielen sollten. Daß uns die Medienmaschine so gut auf den Leim geht, haben wir nicht erwartet, ist aber umso schöner. Was jetzt allerdings die ganzen blödsinnigen Konsorten von Newsweek, Cosmopolitan von uns hören wollen, ist mir schleierhaft.
Gestern hat mich ein Journalist von Newsweek angerufen und als ich ihm gesagt habe, daß wir ihm sicher kein Interview geben werden, weil er genau den Corporate-Medienschwindel vertritt, gegen den wir auftreten, hat er mir andauernd zugestimmt und gemeint, er wird darüber nachdenken. So what! Dem Rolling Stone Magazine haben wir auf eine Fotoanfrage hin, ein gesalzenes Fotohonorar als Wiedergutmachung an die Ausgebeuteten der Medienkultur als Bedingung gestellt. Die haben sich überhaupt nicht mehr ausgekannt und abgelehnt.
Daß die Massenmedien Kannibalen sind ist bekannt. Diesmal wollten wir auch austesten, wieweit sie in der Lage sind, sich selbst zu fressen. Und es funktioniert besser, als wir uns gedacht haben. Das aufgeregte Interesse kommt wohl daher, daß die Massenmedien sich selbst schon zu Tode fadisieren mit ihrem Blödsinn und nach jeder beliebigen Art von Abwechslung lechzen.
 
  Waren die Protestaktionen in Frankreich vor ein paar Monaten gegen eine Reality-TV Staffel á la Big Brother eine Anregung für euch? Auch da wurde das Spiel umgedreht und die Kandidaten als Geiseln des Fernsehsenders bezeichnet, die es zu befreien galt.
 
Trevor: Wir haben ehrlich gesagt erst im Laufe unserer Geschichte davon gehört. Finden wir toll. Irgendwie scheint das in der Luft zu liegen.
 
  Was ist das "Departement for Land and Space Reclamation?
 
Nato: DLSR ist eine lose Verbindung von ca. 20 KünstlerInnen in Chicago, die sich immer wieder für einzelne Projekte gruppieren. Thema für uns ist der öffentliche Raum, die Stadt und wie sie von verschiedensten Kräften wie Politik, Verkehr, Immobilienmaklern etc geformt wird. Wir leisten unseren Beitrag mit öffentlichen Interventionen und Aktionen. Eines unserer Hauptanliegen ist sicherlich gegen die "Gentrification" aufzutreten, die spekulative Verteuerung von Stadtvierteln, die viele gewachsene Strukturen zerstört. Unter anderem versuchen wir auch ein Netzwerk zwischen den engagierten Gruppen von UmweltaktivistInnen bis zu Piratenradios herzustellen. Das hat mit der Kunstszene nur bedingt was zu tun. Die offizielle Kunstszene, weiß meistens sowieso nicht, was sich in Chicago alles tut. Chicago hat eine Tradition als politisch bewußte Stadt, viele Arbeiterrechte wie der 1.Mai als Tag der Arbeit wurden hier erkämpft. Die Stadt war immer schon ein guter Boden für kritische Initiativen in Politik und Kunst.
 
  In welche Richtung werden sich eurer Meinung nach die weltweiten Anti Globalisierungs-Proteste weiterentwickeln?
 
Nato: Genua hat die Leute hier sehr mobilisiert. Nicht nur der Tod von Giuliani, vor allem die Menge der Demonstranten und mich persönlich eigentlich am meisten der Sturm des unabhängigen Pressezentrums. Genua hat die ganze Bewegung auf ein neues Niveau gehoben. Jetzt warten wir alle gespannt auf die Jahresversammlung von Weltbank und IMF in Washington vom 28.09. bis 30.09. Ich glaube das wird ganz groß werden – und wahrscheinlich weit weniger gewalttätig. Die Polizei in Washington ist seit Jahren darauf trainiert, Demonstrationen zu deeskalieren. Die haben schon Demonstrationen mit 600 000 Teilnehmern (wie den schwarzen Bürgerrechtsprotestmarsch der Nation of Islam "March of the Million" 1999) wie ein Kaffeekränzchen aussehen lassen. Die Polizei in Seattle zum Beispiel war einfach komplett überfordert, die hatten so etwas vorher noch nicht erlebt.
Wohin sich die Bewegung entwickeln wird, ist zur Zeit eine gute Frage. Die Gefahr ist auf jeden Fall gegeben, daß die ganze Sache zu einem sich wiederholenden Gipfelkarneval wird.
Ich bin dafür die Konzerne direkt dort bloßzustellen, wo sie auftreten. Mit Aktionen direkt in Starbucks- oder MacDonaldsfilialen, direkt an MTV-Drehorten. Da müßen die Konzerne, und um die geht es ja im Prinzip, reagieren und können nicht, wie es der G-8 Gipfel vorhat, in exotische Winterschiorte ausweichen.
 
Trevor: Ich glaube das Wichtigste ist, daß hier mit den großen Protestaktionen Bewußtsein erzeugt wird und politische Strukturen entstehen, die das starre US-System ein wenig aufweichen. Das sind schon wichtige Ergebnisse. So etwas wie die momentane Bewegung haben wir in den USA sicher schon lange nicht mehr gehabt. Jetzt sind die Konzerne das erklärte Feindbild, und das hat seine Berechtigung. Es hängt aber auch mit der US-Politikkultur zusammen, die etwas monolithisches an sich hat. Amerikaner lieben es Dinge schwarz-weiß darzustellen und klare Feindbilder zu haben.
Die Dinge sind hier weniger verwirrend als in Europa (lacht).
 
Nato: Die Konzerne als Feindbild haben einen großen taktischen Vorteil. Es ermöglicht vielen Leuten für eine gerechtere politische Ordnung einzutreten, ohne sich notwendigerweise mit so etwas wie linken Ideologien assoziieren zu müßen. Alles was nur irgendwie nach Links klingt ist für die meisten Amerikaner nach wie vor ein rotes Tuch. Der Feldzug gegen den Kommunismus hat der ganzen Nation eine ordentliche Gehirnwäsche verpasst.
 
Trevor: Darunter leidet zum Beispiel auch die Grüne Partei. Obwohl die sonst genug eigene Fehler machen, wie zum Beispiel, daß sie hauptsächlich eine weiße Klientel ansprechen. Die Grünen in den USA sind nach wie vor ein Minderheitenprogramm. Mit Europa kann man das überhaupt nicht vergleichen, wo in Deutschland die Grünen sogar mitregieren. Das Beste auf was die Grünen hier hoffen können, ist daß sie im nächsten Präsidentschaftswahlkampf auf über 5% der Stimmen kommen, um Wahlkampfförderung zu erhalten und ein paar Themen in die politische Diskussion einbringen zu können.
 
Nato: Dafür haben wir eine sehr vielfältige Kultur von politischem Aktivismus in einzelnen Gruppierungen und Initiativen, die sehr gut organisiert sind. Yeah! Schreib das deinen Freunden in Europa, damit sie nicht glauben, daß es in Amerika keine kritischen Kräfte gibt.
 
  In meinen ersten 3 Wochen Amerikaaufenthalt habe ich von vielen Leute erzählt bekommen, daß sie sich nicht als Amerikaner fühlen, sondern als Mitglied dieser oder jener ethnischen Gruppierung, Neighbourhood etc. Ich bin jetzt auf dem persönlichen Zwischenstand, daß mir das Land nicht mehr wie eine Nation, sondern wie ein großes Experiment vorkommt.
 
Ja, so kann man Amerika sehen. Dieses Land ist verrückt. Es passieren so viele Dinge gleichzeitig, es versuchen so viele verschiedene ethnische Gruppen miteinander auszukommen, es ist ein Experiment. Amerika hat einen ganzen Haufen haarsträubender politischer und sozialer Umstände, aber auch eine Menge an großartigen, verrückten Menschen, die wir lieben.
 
"Departement of Land and Space Reclamation" www.counterproductiveindustries.com
www.paglen.com

Chicago, 23.08.01