Kryptonit - Die USA in der Krise

 
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Die USA befinden sich im Schockzustand. Die Reaktionen in den Medien und in der Bevölkerung am ersten Tag nach der Attacke spiegeln diese nationale Paralyse wieder - ein Zustand, der Einblick in einige Wesenszüge der USA als Nation gibt.
Die USA sind zuletzt 1812 Zeuge der zerstörerischen Kraft eines kriegerischen Waffeneinsatzes im eigenen Land geworden. Damals war der Feind England. Die USA haben natürlich oft genug das menschliche Leid, das Krieg auszulösen vermag, miterlebt. Wenn aber in den USA der Faktor Krieg diskutiert wird, spricht man üblicherweise von einer militärischen Auseinandersetzung, die weit außerhalb der USA stattfindet. Das verschiebt die Perspektive und Kalkulation. US-amerikanischer Boden schien bis gestern aus Kryptonit gebaut, wie weiland Superman aus dem Hause Marvel, beschützt vom hochgerüstetesten Militär der Welt. Die Bilder der kompletten Zerstörung eines Wahrzeichens des American Way of Life haben Symbolcharakter von gar nicht zu überschätzender Bedeutung für das USamerikanische Selbstverständnis. Das Markante an diesem Anschlag ist abgesehen von seiner Dimension, die bittere Lektion für die USA, daß sie wie jede andere Nation verwundbar und angreifbar sind. Eine schmerzhafte Erfahrung, die man niemandem wünschen kann, der aber für den Großteil der Welt täglich die Realität darstellt.
Frappierend ist dabei, wie dieses Novum medial abgehandelt wird. Die Repräsentaten der Regierung, der Kirche und des Militärs werden nicht müde, sich und den Bürgern das Offensichtliche zu vergegenwärtigen.Daß die USA in diesem Konflikt nicht verlieren werden, daß ihr Land die einzige verbleibende Supermacht sei, denn wir sind "270 Millionen und mehr Bürger, die fest zusammenstehen..." (Gouverneur Patakis, New York).
Moment! Es handelt sich um keinen Angriffskrieg einer anderen militärischen Großmacht, sondern um einen Anschlag mit außergewöhnlichen und dramatischen Dimensionen. Niemand kann ernsthaft davon ausgehen, daß die Folge eine fundamentale Infragestellung der gesellschaftlichen Grundfesten der USA sein wird. Dies aber wird den Menschen zumindestens über die Medien vermittelt und dagegen wird ein sehr emotionaler nationaler Schulterschluß zelebriert.
 
Das wirklich Besondere an diesem Anschlag mag die Reaktion der USA werden, die hoffentlich nicht Geschichte schreiben wird. Präsident Bush sprach gestern von einer "ruhigen, aber bestimmten Wut der Nation", und von "Maßnahmen nicht nur gegen die Terroristen selbst, sondern auch gegen Staaten, die sie unterstützen". Faktum ist, daß es bisher niemanden gibt, der den Anschlag für sich reklamiert. Als Zielscheibe der Mutmaßungen muß der Staatsfeind Nr. 1, Osama bin Laden, herhalten. Ob zu unrecht oder nicht, wird sich weisen. Faktum ist, daß das Feindbild des islamischen Fundamentalismus in den USA immer als erstes und relativ undifferenziert bemüht wird. So geschah es auch im verheerenden Oklahoma Bombenanschlag vor ein paar Jahren, für den letzlich eine Gruppe radikaler weißer US-Amerikaner verantwortlich zeichneten. So ist es auch in diesen Stunden.
Vertretungen islamischer Organisationen in den USA haben medial alle Hände voll zu tun, sich den Volkszorn vom Leibe zu halten. Die offiziellen Regierungsvertreter haben auch diesmal kaum Bedenken dieses Feindbild a priori der Nation zu präsentieren, ohne auch nur eine etwas differenziertere Stimme von offizieller Seite zu Wort kommen zu lassen. Die einzige gewichtige alternative Wortmeldung dazu kam gestern von UNO Generalsekretär Kofi Annan, der vor übereilten Reaktionen auf den Anschlag und ihre möglichen negativen Auswirkungen auf den Weltfrieden warnte. Präsident Bush tut das, was (republikanische) US-Präsidenten in solchen Situationen am besten können. Er zitiert die Bibel und beschwört den Kampf von "Gut gegen Böse" nach diesem "feigen Anschlag auf die freie Welt".
Egal wie man zu diesem Anschlag stehen mag, eines ist sicher. Weder das Pentagon noch das World Trade Center waren je Symbole für internationale Freiheit oder gerechte Verteilung der Güter weltweit und haben gemeinsam wahrscheinlich weitaus mehr Menschen auf dem Gewissen, als gestern gestorben sind.
 
Die Meinungen der Menschen auf der Straße und in den Gesprächen, die geführt habe, decken ein denkbar breites Spektrum ab. Auf der einen Seite findet sich eine große Mehrheit, die sehr emotional reagiert und militärische Maßnahmen befürwortet. Ein sofortiges Bombardement wird gefordert - bleibt nur das Problem, wer diesmal bombardiert werden soll.
Es gibt aber auch sehr viele liberale Stimmen, in den Medien und auf der Straße, die eine Nachdenkpause fordern, anstatt Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. Das Beispiel der Eskalation in Israel und Palestina wird genannt. Einige kritische Stimmen wagen sogar ein Überdenken der amerikanischen Außenpolitik in den Raum zu stellen. Die meisten befürchten, daß der nationale "Kampf gegen den Terrorismus" zu deutlichen Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheiten durch verstärkte Kontrollmaßnahmen in den USA führen wird.
 
Das öffentliche Leben, das gestern weitgehend lahmgelegt war, geht heute zunehmend zur Tagesordnung über. Nur der Flugverkehr ist nach wie vor fast zur Gänze blockiert. Die amerikanische Grenze zu Mexiko, die ich gestern überqueren wollte, bleibt in Alarmbereitschaft und gleicht einer militärischen Festung. Ein Zustand der allerdings nur für Grenzgänger von USamerikanischer Seite etwas Besonderes darstellt - für Mexikaner ist dies seit Jahren Alltag.
 

San Diego, Kalifornien, 12.09.01