The Star Spangled Banner

 
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Am 6. Tag nach den Anschlägen spaltet sich die Stimmung in den USA in zwei Lager.
Auf der einen Seite finden sich Medien und Politik, die einen alles überlagernden nationalen Schulterschluß sehr emotional zelebrieren.

Spätestens seit mehrere große Tageszeitungen die US-amerikanische Flagge als Posterbeilage verkauft haben, sind die Stars und Stripes schlicht allgegenwärtig. Dazu muß man anmerken, daß die US-Flagge sich auch unter normaleren Umständen ausgesprochener Beliebtheit erfreut und als Identifikationssymbol an allen möglichen und unmögliche Orten im Land gehisst wird. Ungewöhnlich ist, daß einem die US-Hymne jetzt auch auf Schritt und Tritt begegnet. Ich habe heute meine Einkäufe in einer Shopping-Mall erledigt, in der plötzlich die Nationalhymne aus den Lausprechern erklang und von ergriffenen Konsumenten laut mitgesungen wurde.

Wirklich rauh wird es aber erst in den Medien. Die Mischkulanz aus Familiendramen, heroischen Militärportraits und pathetischen Politikerreden, die in letzten Tagen gesendet und gedruckt wurde, ist nüchtern betrachtet Kriegspropaganda in Reinkultur.

Damit wir uns richtig verstehen: Es ist nicht verwunderlich, daß das Fernsehen den Anschlag als emotionales Drama inszeniert. Das ist internationaler Standard. Es fällt auch unter "Business as usual", daß in so einem Fall von Präsidenten unter Tränen die nationale Einheit beschworen wird. Daß sich aber in den Medien nahezu keine einzige Stimme findet, die eine differenziertere Betrachtungsweise der Lage bietet, - Warum wurden die USA Zielscheibe von solchen Anschlägen? Welche ist die effizienteste Form für eine Demokratie und Supermacht um zu reagieren? etc - , hat mit Informationsvermittlung wenig zu tun. Die USA haben ihre Lektionen aus dem Vietnam Krieg, der ja angeblich im Fernsehen verloren wurde, gründlich gelernt. Im Golf Krieg sind die Lehren daraus medial erstmals sehr erfolgreich umgesetzt worden. Die Devise heißt: Nur keine Zweifel aufkommen lassen! Politik und Medien schwören die Nation derzeit unisono auf den Terminus "Krieg" ein.

Die Bevölkerung trägt diese Rethorik in der allgemeinen, sehr emotionalen Stimmung mit, aber bei weitem nicht so geschlossen, wie es in den Medien vermittelt wird. Überall wo einzelne Bürger öffentlich zu Wort kommen, von Radio-Talkshows bis zu Leserbriefen in den großen Zeitungen, gibt es viele kritische Stimmen. Überraschend viele sogar, die eine genaue Beurteilung der Lage fordern, anstatt gleich mit Gewalt zu antworten, die eine sinnlose Eskalation fürchten, und die die Gründe für den Hass auf die USA verstehen wollen.


 
Die folgenden 2 Kurzportraits sind Momentaufnahmen zwischen national und liberal.

 
Mike Hampton

Mike Hampton hält mitten in der prallen Mittagshitze einsam Mahnwache an einer stark befahrenen Kreuzung, Downtown, San Diego, mit einem der Stars und Stripes Poster aus den Tageszeitungen in den Händen. Der 30jährige Tischler aus North Carolina ist mit seiner Familie eigentlich auf Urlaub in Kalifornien.

"Ich stehe hier, um meinem Land zu dienen. Amerika braucht jetzt jeden seiner Bürger. Wenn du mich fragst, was zu tun ist - ich weiß nicht genau, was das beste wäre. Ganz ehrlich gesagt, würde ich am liebsten ganz Afghanistan bombardieren. Dabei würden wahrscheinlich auch viele Kinder sterben. Aber irgendwas muß jetzt unternommen werden. Amerika wird reagieren, und es wird stark reagieren!"

Bei den letzten Präsidentschaftswahlen hat Mike nicht gewählt, weil er - wie er sagt - "von Politik nichts hält".
 

 
Anne Curo Anne Curo ist Co-Herausgeberin der Straßenzeitung "Streetlight" in San Diego.

"Mehr als diesen oder kommende Anschläge sollten wir uns vor den Reaktionen unserer eigenen Regierung in Acht nehmen. Ich fürchte, die Konsequenzen in den USA werden eine Verstärkung des Sicherheitsapparates sein, die viele Bürgerrechte einschränken werden. International gesehen ist es typisch amerikanisch sich als unschuldiges Opfer zu fühlen. Viele Menschen glauben wirklich aus tiefster Überzeugung, daß wir exklusiv das Gute in der Welt verkörpern. Darum muß jetzt, wie Präsident Bush sagt, "Das Gute gegen das Böse in den Kampf ziehen, um die Welt zu befreien".

"Es wäre höchste Zeit, daß Amerika sich einmal selbst zu fragen beginnt, wieso wir einen derartigen Hass auf uns ziehen und wie unser internationales Image wirklich aussieht. Das wäre besser als Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. Nur leider setzt sogar bei vielen unserer liberalen und regierungskritischen Kollegen momentan das Denken aus und sie beteiligen sich am allgemeinen patriotischen Taumel."

Anne Curo hat bei den letzten Präsidentschaftswahlen die Grüne Partei gewählt.
 
San Diego, Kalifornien, 17.09.01