Las Vegas

 
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Der Film "Stalker" von Andrej Tarkovskij behandelt die fährnisreiche Suche von 3 Männern nach einem geheimnisvollen Zimmer, in dem angeblich alle Wünsche in Erfüllung gehen. Nach langer Expedition im magischen Zimmer angekommen, wagt keiner der Suchenden einen Wunsch zu äußern.

Wahrscheinlich waren die drei vorher in Las Vegas.

Las Vegas hat sich für das gegenteilige Model entschieden und führt einen eindrucksvollen Rundumschlag gegen das Zaudern im Allgemeinen und den Zweifel im Speziellen. Alles was man sich so vorstellen kann, geht hier scheinbar wirklich in Erfüllung. Oder ist zumindestens im Maßstab 1:1 gebaut worden. Dieser Ort scheint wie die "Zone" bei Tarkovskij von einigen Naturgesetzen entbunden zu sein und kreiert seine eigene Version von Schwerkraft. In Las Vegas expandiert der US-amerikanische Geist, der sich sonst gerne in exotischen Stadien des Hausverstandes verheddert, und leistet sich eine wirklich große Vision. Mitten in der Wüste wächst plötzlich unter gigantischem Einsatz von Elektrizitäts- und Wasserversorgung ein attraktives FunkelDingsda aus dem Boden. Eine Mischung aus Nonstop Showtime und nationaler Errungenschaft

Fährt man den Las Vegas Boulevard entlang begegnet man der Rialto Brücke, dem Campanille, dem Triumphbogen, dem Eiffelturm, und so weiter. Die Kopien dieser berühmten Bauwerke sind groß, aufwendig und fast echt. Trotz ihrer offensichtlichen Ambitionen ziehen sie bemerkenswert arglos am untrainierten europäischen Auge vorbei und illustrieren so eine besondere Eigenheit des US-amerikanischen Visionierens. Es geht nicht um den Inhalt, es geht nicht einmal um die Hülle, es geht radikalerweise nur um Platzhalter. Der eigentliche Effekt wird dann im nationalen Konsens erzielt, daß man sich so beeindrucken läßt. Es verhält sich damit wahrscheinlich wie mit den vorfabrizierten Lachern in den Seifen-Opern. Der Zuseher stimmt seiner Selbsthypnose am Beginn der Show zu, um sich den Spaß nicht zu verderben.

Im fernen Herzogtum Kärnten zum Beispiel arbeitet das Projekt Minimundus, ein Modellpark der Welt-Sehenswürdigkeiten, auch mit Entertainment durch Kopieren und Täuschen. Es produziert dabei eine graduell unterschiedliche Erlebnisschiene. Der Besucher in Klagenfurt wird bei sich selbst gelassen und muß nichts visionieren. Die ausgestellten Gebäude sind eindrucksvoll, aber klein. Sie können leicht dem Reich der Fiktion zugeordnet werden, ohne daß psychedelische Effekte eintreten.

In Las Vegas hingegen sind soviele spielerische Fiktionen im Maßstab 1:1 unterwegs, daß ein anscheinend zentrales Prinzip der US-amerikanischen Lebenstechnik in voller Blüte erlebt werden kann: Realität A wird solange nach allen Seiten hin in Richtung Freiheit und Chrompolitur ausgetestet, bis die Laborsituationen mengenmäßig derart überhand nehmen, daß sich niemand mehr an den Weg nach Hause erinnern kann. Also macht man es sich dort gemütlich wo man gerade ist und bekräftigt dies mit "Everything goes!" und "Have fun!".

Ich vermute, daß die USA - außer beim Surfen - seit Jahrhunderten auf der Suche nach Entspannung sind. So kann vielleicht erklärt werden, wie das stundenlange Spielen an Slotmaschinen unter Verlust großer Geldsummen zur Freizeitbeschäftigung für alle Alterklassen wurde. Zwei mir bekannte Damen aus Texas in ihren 50ern fahren tatsächlich nach Las Vegas in den Urlaub, wie sie es nennen, um Tage und Nächte an den Slotmaschinen zu verbringen. Daß sie nicht zum Gewinnen in die Wüste fahren ist Teil des Konsens. Daß sie gleichzeitig von der großen Marie träumen ebenso. Und wir sprechen hier nicht von Spielsüchtigen, die nicht anders können, sondern von Menschen, die sich je nach Lust und Laune zwischen Bade-, Fitness- und Geldspielurlaub entscheiden. In Las Vegas scheint eine stille Übereinkunft zu herrschen, daß der potentielle Superjackpot für jederman irgendwie eine weitere Manifestation der unbegrenzten Möglichkeiten in den USA darstellt.

" Wenn du Amerika wirklich verstehen willst, mußt du dir entweder ein Disneyland oder Las Vegas ansehen ", haben sie mir in Chicago gesagt. Gesagt, getan.

Las Vegas ist ein grandioses Debakel.

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Las Vegas, 19.09.01