Wir leben am Mittelpunkt der Erde

 
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Gespräch mit dem Chairman des Hopi Tribe, Wayne Taylor jr., Hopi Nation, Arizona.

Die Hopi sind einer der über 1000 indigenen Stämme in den USA, die in relativer Selbstbestimmung in eigenen Nationen (Reservaten) leben. In diesen über das ganze Land verteilten Gebieten leben insgesamt 2,5 Millionen Native Americans, die ungefähr 1% Anteil an der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten ausmachen. Der Stamm der Hopi umfasst ca. 12 000 Mitglieder, die fast alle in der Hopi Nation vereint sind. Dies hängt mit der spirituellen Überzeugung zusammen, daß diese bestimmten 1,5 Millionen Hektar im heutigen Arizona den Ort darstellen, an der die Hopi von der Erde geboren wurden und der ihrem Glauben nach das Zentrum der Welt darstellt. Die spirituelle Verbundenheit mit ihrem Land hat die Hopidörfer - im Gegensatz zu vielen anderen Native Americans, die Nomaden waren - zu den ältesten durchgehend bewohnten Siedlungen Nordamerikas gemacht. Die Hopi können seit dem Erstkontakt mit Europäern aus Spanien 1541 auf eine entbehrungsreiche Geschichte aus Versklavung, eingeschleppten Seuchen und Landverlust zurückblicken.

Heute leben die Hopi in Selbstverwaltung mit eigener Polizei, Gerichtsbarkeit und Schulen im politischen System der USA. Spirituellen Zeremonien sind nach wie vor der wichtigste Teil der Hopikultur und werden als konsequent gehütetes Stammesgeheimnis praktiziert und weitergegeben.

Chairman Taylor, welche sind die prägenden politischen Fragen derzeit in der Hopi Nation?

Wir müßen unsere wirtschaftliche Situation deutich verbessern. Leider haben wir derzeit eine sehr hohe Arbeitslosenrate von ca. 50% in der Nation und viele Hopi sind gezwungen weit außerhalb der Nation zu arbeiten. Wir versuchen dieses Problem mit mehreren Strategien zu lösen. Zum einen durch eine Unterstützung und bessere Vermarktung unserer traditionellen Handwerkskunst, und zum anderen durch die Schaffung moderner Internet Arbeitsplätze. Der zentrale Umstand ist, daß wir hier auf diesem Land leben wollen, um unseren religiösen Pflichten nachgehen zu können. Das können wir nach der Überlieferung nur an diesem Ort, der für uns das Zentrum der Welt darstellt. Also müßen wir wir hier endlich bessere wirtschaftliche Strukturen entwickeln. Nächsten Monat beginnen wir mit einem Pilotprojekt in First Mesa, wo über eine schnelle Satellitenverbindung Internet-Arbeitsplätze getestet werden. Auch wir wollen unseren Anteil am amerikanischen Traum leben und einen befriedigenden Job haben, in einem schönen Haus wohnen, unsere Kinder ordentlich versorgen können.

Warum wenden sich die Hopi nicht, so wie viele der indigenen Stämme in den USA, dem Glückspielgeschäft zu und eröffnen eines der florierenden Casinos?

Wir haben über diese Frage 1994 ein Stammesreferendum abgehalten und die Entscheidung fiel überwältigend gegen einen Einstieg in das Glücksspielgeschäft aus. Ich bin persönlich froh darüber. Ein Casino läßt sich nur schwer mit unseren spirituellen Überzeugungen vereinbaren und bringt sehr viel soziale Unruhe in die Region.

Die Hopi leben in Selbstverwaltung in der Hopi Nation. Wie sehen ihre Beziehungen zu der USamerikanischen Bundesregierung aus?

Unsere Beziehungen haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verbessert. Ein wichtiger Schritt war die Garantie der freien Glaubensausübung durch Präsident Carter. Wir begreifen die Hopivertretung nach außen, das Tribal Board, jetzt verstärkt als politisches Instrument nach USamerikanischen Mustern. Wir pflegen die Kontakte zu PolitikerInnen in Arizona und betreiben Hopi-Lobbying in Washington.

Die Entscheidungskultur unter den Hopi selbst ist eine völlig andere. Sie beruht auf Konsens, das heißt alle Entscheidungen können nur einstimmig getroffen werden. Das hat sich in der Geschichte als inkompatibel mit den Anforderungen der US-Regierung erwiesen. So wurden die Tribal Boards nach dem Muster westlicher Staaten eingerichtet.

Insgesamt bildet sich langsam auch eine bessere politische Zusammenarbeit zwischen den indigenen Stämmen heraus. Die kulturellen, spirituellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der einzelnen Stämme sind völlig unterschiedlich und daher war gemeinsames Agieren immer schwierig.

Die stellvertretende Vorsitzende der Grünen Partei, Winona La Duke, ist Native American. Sie gehört dem Stamm der Cheyenne an. Halten sie die Grüne Partei für eine wichtige politische Kraft zur Unterstützung der indigenen Stämme?

Winona La Duke hat meinen großen Respekt für ihr politisches Engagement in Sachen Umweltschutz und Minderheitenrechte. Die Grüne Partei als solche hat in unseren politischen Anliegen bisher keine Rolle gespielt und ich glaube kaum, daß sich das bei der derzeitigen Machtaufteilung zwischen Demokraten und Republikanern so schnell ändern wird. Wir müßen uns an den tatsächlichen politischen Führungskräfte im Land orientieren, um unsere Interessen schützen zu können.

In der Hopi Nation fällt auf, daß die sonst im Land allgegenwärtige US-Flagge hier nirgends weht. Fühlen Sie sich als US-Amerikaner, als Bürger der USA?

Wir sind die ersten Amerikaner, die Native Americans, haben unsere eigene Geschichte und Nation.

Viele heutige US-Bürger haben das vergessen, verdrängt oder nie davon gehört. Wir müßen dieses Bild wieder verstärkt ins Bewußtsein rufen. Die Beziehungen waren in der Geschichte oft schwierig, und unter den Menschen in den Native American Nations gibt es immer noch viel Antipathie gegenüber den USA. Wir müßen aber auch die Realität anerkennen, daß wir im politischen System der USA leben. Und wir haben auch unseren Beitrag zum Aufbau des heutigen Amerika geleistet, auf den wir stolz sein können.

Der Lebensstil der weißen Bevölkerung in den USA, ist für mich durch eine große Anzahl einsamer und - zumindestens im Vergleich zu Europa - sozial relativ isolierter Menschen gekennzeichnet.
Sehen sie dieses Phänomen auch, und wenn ja, was sind ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Während meiner Schul- und Ausbildungsjahre bin ich viel im Land herumgekommen und habe dasselbe gespürt. Es war für mich immer ein besonderer Rückhalt unsere Traditionen und Praktiken zu leben. Wir haben eine reiche Kultur und spirituelle Welt. Ein besonderer Moment für mich war es auch in die Hopi-Nation zurückzukehren, an den Ort, den Hopis seit über 2000 Jahren bewohnen.

Ich glaube, das ist es wonach der Rest von Amerika immer gesucht hat. Einen Platz wo man hingehört, wo man einer Kultur wirklich angehört. Es geht um Wurzeln. Ich habe viele meiner weißen Freunde gefragt, wo sie herkommen. Die Antworten sind dann, ich wurde da geboren, bin dort aufgewachsen, dann umgezogen etc. Viele geben als ihre Wurzeln letzlich ihre europäischen Vorfahren an, ohne selbst jemals in Europa gewesen zu sein. Die weiße Kultur in den USA ist eine Kultur des ständigen Wandels.

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Kykotsmovi, 19.09.01