Street Sheet, San Francisco

 
Gespräch mit Martin Chance, Redakteur bei Street Sheet und Mitarbeiter in der "Coalition on Homelessness". Street Sheet ist eine der 2 in San Francisco arbeitenden Straßenzeitungen. Sie erscheint seit 12 Jahren, zur Zeit mit einer monatlichen Auflage von 36 000 Exemplaren. Martin Chance
 

Im Stadtzentrum von San Francisco erlebt man Szenen, die man sonst einem Dritte Welt Land zuordnen würde. Die Straßen sind übersäht mit notdürftigen Kartonunterkünften und man sieht Scharen von Menschen, die ihren Haushalt in einem Einkaufswagen vor sich herschieben. Warum ist die Obdachlosigkeit in San Francisco so überwältigend präsent ?

Es gibt mehrere Gründe. Einerseits hat San Francisco eine Tradition als Anlaufpunkt für Lebenskünstler aller Art. Die Hippiekultur und die damit verbundene Drogenkultur sind seit den 60erJahren Teil des Stadtgefüges. Auf der anderen Seite gibt es harte politische und wirtschaftliche Fakten. Die Welfare-Reform unter Clinton, die die Zeit des Sozialhilfebezuges auf 5 Jahre insgesamt im Leben limitierte, hat viele Menschen auf die Straße befördert.
San Francisco stand im Zentrum des "dot-com" Booms, des Internet Hypes. Die Mieten in den 90er Jahren sind im offiziellen Schnitt um 500% gestiegen. San Francisco ist die teuerste Stadt der USA geworden. Gleichzeitig wurden viele Sozialwohnungsprojekte das Opfer von Renovierungen, um die Nachfrage an teuren Wohnungen befriedigen zu können. Mit 346 USD Sozialhilfe im Monat für einen Erwachsenen ist Wohnen derzeit schlicht und einfach unmöglich geworden. Für die billigste Form von Wohnen, eine Monatsmiete für ein grindiges Hotelzimmer muß man schon mindestens 600 USD ablegen.

Ist die Obdachlosigkeit in den USA eine Folge des Neoliberalismus?

Neoliberalismus hat viele wirtschaftliche Aspekte, über die man geteilter Meinung sein kann. Eines ist aber sicher: Das starke Ansteigen der Obdachlosigkeit in den USA ist eine direkte Folge der neoliberalistischen Wirtschaftspolitik seit Reagan. In den 80er Jahren wurde die Obdachlosigkeit erstmals auf den Straßen deutlich sichtbar. Die Erklärung ist einfach: wenn man soziale Einrichtungen wie psychiatrische Betreuung, Drogenbetreuung, Betreuung entlassener Häftlinge ersatzlos einspart, trifft man die Menschen, die vorher in Betreuung waren als Obdachlose auf der Straße wieder. Wenn man Wohnungsmieten aus Spekulationsgründen unkontrolliert erhöht und Sozialwohnungen einfach verkauft, enden viele Menschen auf Straße. Auf der anderen Seite sind viele Amerikaner in den letzen 20 Jahren um einiges reicher geworden.
Das Problem der Obdachlosigkeit wird entweder ignoriert oder fadenscheinig zu lösen versucht.
Die Stadt San Francisco hat den Bau von Sozialwohnungen mehr oder weniger aufgegeben und investiert hauptsächlich in die Errichtung von Notschlafstellen, die trotzdem nur 10% des Bedarfes decken können.

Spielt der von Präsident Bush sen. ausgerufene "Krieg gegen die Drogen" eine Rolle im Anwachsen der Obdachlosigkeit?

Der "War on Drugs" spielt eine wichtige Rolle. Die Gesetzesbestimmungen wurden dermaßen verschärft, daß man als Drogenverurteilter defacto zur Unperson wird. Man hat auf Lebenszeit keinen Zugang zu Sozialwohnungen, man ist von jeder Art von Sozialunterstützung, von jeder Art von Bildungsunterstützung ausgeschlossen. Es bestehen also nur sehr geringe Chancen nach dem Absitzen einer Gefängnisstrafe für ein Drogendelikt woanders zu landen als wiederum im Drogengeschäft oder auf der Straße.
Der einzige öffentliche Bereich, in den seit Jahren nachhaltig investiert wird, ist das Gefängnissystem. Kalifornien hat in den 90er Jahren 10 neue Gefängnisse gebaut.

Welche Maßnahmen setzt die "Coalition on Homelessness" und wie finanziert sie sich?

Wir sind in der glücklichen Lage uns nur über private Sponsoren und Stiftungen finanzieren zu können. Das ermöglicht uns ein Agieren unabhängig von staatlicher Unterstützung. Die "Coalition on Homelessness" umfaßt mehrere Organisationen, die sich z.B. um die rechtliche Betreuung Obdachloser kümmern, Hilfe in den Notschlafstellen anbieten, politisches Lobbying betreiben u.s.w.
Die Straßenzeitung Street Sheet ist ein Teil unserer Arbeit, quasi eine öffentliche Plattform für unsere Aktivitäten.
Ein interessanter Aspekt ist vielleicht noch, daß mehr als die Hälfte unserer Verkäufer als auch der Obdachlosen insgesamt African Americans sind. Bei ca. 11% Anteil von African Americans an der Gesamtbevölkerung kann man sagen, daß in der Obdachlosenproblematik eine ordentliche Portion institutionalisierter Rassimus im Spiel ist.

Wird die Erde leichter, wenn du ins Weltall fliegst ?

Hm. Die Erde wird um 2 Gramm leichter. Ich habe von Messungen gelesen, daß der menschliche Körper im Zeitpunkt des Todes um ca. 2 Gramm leichter wird. Ich glaube, das wird auch auf mich zutreffen.
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Plakate der SFPC, San Francisco Print Company, einer AktivistInnengruppe aus dem Kunstbereich, die für einigen öffentlichen Wirbel gesorgt haben.
 
Street Sheet: www.sf-homeless-coalition.org
Poor Magazine: www.poormagazine.com
 
San Francisco, 11.10.01